ANHANG ZUM BUCH
HERDENSCHUTZ IN DER SCHWEIZ –
EINE HOLPRIGE ERFOLGSGESCHICHTE
Frei lebende Wölfe können an frei weidenden Nutztieren Schäden verursachen, indem sie diese als Beute betrachten. Deshalb gilt seit der Jungsteinzeit, worüber sich die Fachleute verschiedener Disziplinen ausnahmslos einig sind: Ein wirksamer Herdenschutz ist die Methode der Wahl, um Herden von Schafen und Ziegen, aber auch von Rinder- und Pferdeartigen vor Angriffen grosser Prädatoren, insbesondere von Wölfen und anderen Caniden, zu schützen. Herdenschutz wird seit je mit grosser Selbstverständlichkeit in den meisten Wolfsgebieten der Welt mit Erfolg praktiziert. Nur in der Schweiz fehlte diese Tradition weitgehend, weil Wölfe seit dem Mittelalter mit Waffen bekämpft wurden und man deshalb keine Herdenschutzhunde brauchte.
Obwohl notwendig, weil Wölfe inzwischen eine geschützte Wildtierart waren, hatte nach 1994, als die Wölfe begannen, die Schweiz wieder zu besiedeln, die rasche Einführung wirksamer Herdenschutzmassnahmen einen schweren Stand: Zwar standen bei der Entschädigung gerissener Nutztiere rasch kulante Lösungen von Bund und Kantonen zur Verfügung, und nach 2003 wurden auch die Sömmerungsbeiträge für die Alpung von Nutztieren um über das Doppelte des vorherigen Betrags aufgestockt, doch es gab Widerstand, auch wenn diese Sömmerungsbeiträge einen guten Teil der Kosten für den notwendigen Herdenschutz abdeckten. Sowohl die führenden Köpfe der landwirtschaftlichen Verbände und der Behörden als auch viele an der bäuerlichen «Basis» wollten einfach nicht … Sie wollten nicht Hand bieten, dass eine Koexistenz mit den ungeliebten Wölfen möglich wurde. Damit hatte während Jahren eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Aufbau von Schutzmassnahmen sehr ungünstige Voraussetzungen. Eine ausgezeichnete Chronologie dieser Ereignisse liefert das Buch «Wölfe in der Schweiz. Eine Rückkehr mit Folgen» von Elisa Frank und Nikolaus Heinzer, die diese Geschichte als Teil eines Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds unter der Leitung von Bernhard Tschofen, Professor für Volkskunde an der Universität Zürich, im Jahr 2022 veröffentlichten (Frank & Heinzer, 2022) sowie der Bericht Nr. 91 der wissenschaftlichen Stiftung KORA, «25 Jahre Wolf in der Schweiz. Eine Zwischenbilanz» (Vogt et al., 2020).
Zwar erkannte die zuständige Stelle beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), die für den Umgang mit streng geschützten Arten gegenüber den Kantonen Entscheidungsgewalt hatte, schnell, dass ein wirksamer Herdenschutz und damit die Einführung von Schutzhunden dringlich war. Aber die dafür unter der Ägide des BAFU aufgebaute Struktur, die Schutzhunde für die betroffenen Herden beschaffen, ausbilden und zertifizieren sollte, kam aus verschiedenen Gründen, die hier nicht im Detail erörtert werden sollen, nicht voran. Durch Bürokratie und menschliche Barrieren und Komplikationen blieben selbst diejenigen Schafhalter, die sich lösungsorientiert Hunde anschaffen und so ihre Herden schützen wollten, lange Zeit ohne die notwendigen vierbeinigen Gehilfen.
In dieser ganzen schwierigen Zeit leisteten die Herdenschutz Fachpersonen der Beratungszentrale AGRIDEA, die als private Organisation im Auftrag des Bundes auf die Beratung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums spezialisiert ist, eine beharrliche und kontinuierliche Aufbau- und Beratungsarbeit im Bereich Schutz der Herden gegen Wolfsangriffe (www.herdenschutzschweiz.ch). In Zusammenarbeit mit einigen privaten einheimischen Herdenschutzpionieren sowie kantonalen Zentren wie der Landwirtschaftsschule Plantahof in Landquart für den Kanton Graubünden und dem Landwirtschaftszentrum Visp im Wallis leisteten diese Stellen in immer mehr Gebieten, wo sich die Wölfe ausbreiteten, erfolgreiche, praxisnahe Aufbauarbeit.
Diesen engagierten Fachleuten ist es zu verdanken, dass es heute in Kooperation mit vielen betroffenen Schafhalterinnen und Schafhaltern vor Ort immer besser gelingt, die Herden erfolgreich zu schützen – so erfolgreich, dass die Anzahl gerissener Nutztiere trotz steigender Anzahl von Wölfen in den Jahren 2023 und 2024 gegenüber den Vorjahren deutlich zurückging und weiter rückläufig scheint. Allerdings sind die absoluten Zahlen mitunter irreführend. So riss im Kanton Waadt ein einzelner Wolf über hundert Schafe, was die Bilanz stark noch oben drückte.
In der Sache gibt es in der Schweiz ein weiteres Problem: den Mangel an qualifiziertem Personal – professionellen Hirtinnen und Hirten, die die Herden während der Alpzeit und auch auf den Zwischenweiden, auf den sogenannten Maiensässen, die vor und nach der Alpzeit abgeweidet werden, permanent begleiten und betreuen und sich dabei auch um die Schutzhunde kümmern und diese überwachen. Der Hirtenberuf war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten und verloren gegangen. Ohne Wölfe gab man sich sehr oft mit der pragmatischen, wenig tierfreundlichen, dafür jedoch kostengünstigen «Schweizer Lösung» zufrieden: Man überliess die Schafe auf der Alp unter der Woche einfach sich selbst. Eine Ausnahme waren die wenigen professionellen Schäfereien im Land, die tatsächlich von ihren Herden leben. Hierzulande wieder ein saisonales Hirtenhandwerk aufzubauen, ist eine der grössten praktischen Herausforderungen bei der Entwicklung der konfliktarmen Koexistenz von Menschen und Prädatoren.
Die landwirtschaftlichen Schulen in Graubünden und im Wallis bieten zurzeit gemeinsam mit der Fachorganisation AGRIDEA eine einjährige Ausbildung für Schafhirten an. Aber dafür wirklich die geeigneten Personen und Charaktere zu finden, die die harten Herausforderungen dieses Berufs auf sich nehmen, ist nicht einfach. Hirtinnen und Hirten sind während vier Monaten auf der Alp oft auf sich allein gestellt, bei schönem, aber manchmal auch wochenlang rauem Wetter im Hochgebirge. Für solche Bedingungen braucht es starke Persönlichkeiten, die das während der hundert Tage der sommerlichen Alpzeit leisten können und wollen.
Neben psychischer Robustheit benötigen sie eine gehörige Portion Fitness und Berggängigkeit. Zudem sind handwerkliches Können und vor allem das Fachwissen über das Gebirge und seine Launen, gute Kenntnisse der Schafe und der Treibhunde zum Führen der Herde und der Schutzhunde zur Abschreckung der Wölfe erforderlich.
Um leichter mehr geeignete Personen für die professionelle Hirtenarbeit auf der Alp zu finden, wären in der heutigen Situation neben dem Ausbau des Ausbildungsangebots auch die Verbesserung der Rahmenbedingungen notwendig. Dazu gehört eine faire Entlöhnung, die den hohen Ansprüchen des Jobs entspricht. Auch bei der Unterbringung des Hirtenpersonals auf abgelegenen Alpen traf ich in jahrelangen Beobachtungen auf verschiedensten Alpen allzu viele Missstände mit sehr ungemütlichen Unterkünften an, denen es am minimalsten Komfort fehlte. Viel zu oft gibt es noch heute keine zeitgemässen sanitären Anlagen, keine vernünftigen Heizmöglichkeiten oder sauberes Wasser nahe bei der Unterkunft – oft ein Grund, weshalb immer wieder Hirten vor Ende der Sömmerungszeit das Handtuch werfen. Zur Überbrückung des Personalmangels wäre allenfalls eine Erleichterung der Anstellung für fachkundiges Hilfspersonal von ausserhalb der EU wie etwa aus der Türkei, aus Osteuropa oder aus Zentralasien zu erwägen, das die Aufgaben kennt und in ihren Heimatgebieten mit der Schafhaltung und dem Herdenschutz gegen Wölfe vertraut ist; sie könnten einheimische Hirten unterstützen.
Die Kosten, die ein wirksamer Herdenschutz mit sich bringt, könnten neben den staatlichen Beiträgen auch durch private Kreise finanziell mitgetragen werden: Als Ausdruck der Solidarität mit der Berglandwirtschaft, die auf eine Koexistenz mit Wölfen ohne Konflikte angewiesen ist, bestünde die Möglichkeit, dass private Stiftungen und interessierte Naturschutzkreise im Unterland beim Herdenschutz Unterstützungsbeiträge leisten, wie das einzelne Organisationen bereits tun.
HERDENSCHUTZHUNDE – NIE ALLEIN!
Eine der besten Methoden, um Herden von Nutztieren gegen Prädatoren zu schützen und diese abzuschrecken, ist der Einsatz von Schutzhunden. In Wolfsgebieten, wo Schafe und Ziegen gehalten werden, ist die vierbeinige Schutztruppe die Methode der Wahl beim Herdenschutz.
Da die frühen Viehnomaden Tag und Nacht bei ihren Herden lebten, befanden sich auch ihre Hunde dort, und durch Zuchtwahl hatte man bald grosse Hunde ständig dabei, die sich bei Angriffen von Wölfen den wilden Prädatoren entgegenstellten. Dabei musste selten gekämpft werden, weil bereits die Anwesenheit einer glaubwürdigen Schutztruppe von Hunden die Wölfe von einem Angriff abhielt. Dies galt früher ebenso für menschliche Viehdiebe, die sich im Schutz der Dunkelheit an fremde Herden heranmachten.
Damit auch Gruppen von Wölfen, die eine Herde auskundschaften, von einem Angriff abgehalten werden, braucht es ein Hunderudel, das die Wölfe als Verteidigung des Schafperimeters, des Territoriums des Hunderudels, ernst nehmen und akzeptieren. Einzelhunde haben gegenüber mehreren Wölfen schlechte Karten. Einer oder zwei Wölfe lenken den Hund ab und riskieren in Überzahl sogar einen Kampf, während andere von der hinteren Seite die Herde erfolgreich angreifen.
Um den Schutzhunden die Arbeit zu erleichtern, müssen die Herden während der Nacht in einen Schutzpferch getrieben werden. Die Hunde bleiben dabei entweder im Pferch bei den Schafen, wachen gleichzeitig im Innern und ausserhalb des Pferchs oder auch ganz ausserhalb und schirmen die Nutztiere ab. Bei starkem Druck durch Wolfsangriffe oder auch bei Angriffen von Bären ist als Notfallmassnahme ein zweiter Elektrozaun mit zwei bis drei gut geladenen Litzen (Drähten) in fünf Metern Abstand vor dem eigentlichen stromführenden Weidenetz, das die Schafe schützt, möglich. Ausserdem erlaubt ein genügend grosser Nachtpferch den Schafen, eine gute Distanz zu Wölfen einzuhalten, falls diese in der Nacht auf der Aussenseite des Zauns auftauchen.
Das Zusammenziehen von Herden in Nachtpferche erfordert eine rigorose Schafgesundheit auf der Alp, umso mehr als für die Sömmerung oft mehrere kleine Herden aus verschiedenen Schafbeständen zu einer grossen Alpherde zusammengefasst werden. Kommen diese Schafe jeden Abend im Nachtpferch in engen Kontakt, werden allfällig vorhandene Krankheiten leicht übertragen.
Auf den Schweizer Alpen hatte sich, bevor Wölfe einwanderten, die Gewohnheit breitgemacht, die Schafe wegen Personalmangels unbeaufsichtigt sich selbst zu überlassen und sie nur ab und zu zu kontrollieren. Nun versucht man, dies mit den Schutzhunden weiterhin zu praktizieren: Die Schutzhunde werden oft ohne anwesende Hirten mit den Schafen allein gelassen. Hunde, die, so auf sich allein gestellt, ihre Herden bewachen, geraten auf der Alp leider oft mit Menschen in Konflikt, die auf den Alpweiden als Wandernde oder andere Sportarten Ausübende unterwegs sind. Konfliktsituationen können dort entstehen, wo der Schafbereich nicht so abgezäunt ist, dass die Schafe von den Wanderwegen ferngehalten werden. Wandern oder biken Touristen mitten durch eine weit verteilte Herde, ist es nicht verwunderlich, wenn Hunde sie als Bedrohung für die Schafe wahrnehmen und sie entsprechend stellen und anbellen.
Zudem werden die Alpen im Sommer immer mehr zum Tummelplatz von vielerlei Menschen mit mehr oder weniger Verständnis für Rinder, Schafe und Hunde. Längst nicht alle Alpbesucher verhalten sich zurückhaltend und korrekt gegenüber den dortigen Viehherden mit ihren Schutzhunden. Wenn diese dann entsprechend auf nervöse Menschen reagieren, gibt es oft Ärger. Wütende Touristen und sogar Bissvorfälle können die Folgen sein.
Diese Probleme sind grösstenteils hausgemacht. Die «Schweizer Variante» – die Herden mit Schutzhunden ohne Aufsicht sich selbst zu überlassen, damit die Hunde vor allem auf «die Schafherde und nicht auf Menschen geprägt sind» – findet man kaum je in traditionellen Weidegebieten von Schafen und Ziegen ausserhalb des zentralen Alpenraums.
Überall sonst sind Herden, Hirten und Hunde tagsüber meist in Sichtkontakt, und ab Einbruch der Dunkelheit werden die Herden im Nachtpferch versammelt. Von Spanien bis in die Türkei, von Rumänien bis nach Italien haben die Hunde eine enge Beziehung zu ihren Hirten und hören auch gut auf sie. So konnte ich mehrmals dokumentieren, wie Schutzhunde auf Rufe oder Pfiffe der Hirten reagierten und beim Auftauchen von Wanderern und Bikern gestoppt und beruhigt wurden. Eine gute Kombination von Hirten und erfahrenen, folgsamen Schutzhunden ist eine Voraussetzung, um Konflikte mit dem Freizeitbetrieb und dem Tourismus auf Schafweiden zu vermeiden.
WIE FUNKTIONIEREN GENANALYSEN?
Genanalysen dienen dazu, eine Art, das Geschlecht, die individuelle Identität, die Verwandtschaft und die Entwicklungslinie eines Lebewesens zu bestimmen. Dazu braucht es in der Regel minimale Mengen von Körpergewebe oder einzelne Zellen eines Individuums, Material, aus dem Erbsubstanz isoliert werden kann. Dieses Material kann von einem lebenden oder toten Wesen, aber unter Umständen auch aus dessen Ausscheidungen (Blut, Kot, Speichel, selten Urin oder auch aus Haaren mit Wurzelgewebe) gewonnen werden. Bei der sogenannt nicht invasiven Genanalyse werden Proben aus Ausscheidungen untersucht, die etwa ein Wolf zurückgelassen hat und die dann gefunden wurden:
– Kot enthält Darmzellen des Individuums, die mit dem Kot ausgeschieden wurden.
– Speichel wird mit Tupfern von einem Beutetier, das Bisswunden eines Prädators aufweist, aufgesammelt.
– Urin: Wenn Wölfinnen fortpflanzungsbereit (läufig) sind, scheiden sie während der Paarungszeit sichtbares Blut im Urin aus. Dieses Blut kann aus dem Schnee aufgesammelt und für die Genanalyse verwendet werden.
Die Gewinnung von Genmaterial aus nicht invasiven Proben erfordert eine hochspezialisierte und aufwendige Bearbeitung des Materials zur Gewinnung und Vervielfachung der nötigen Menge Erbsubstanz (DNA) für die Analyse. Dies gelingt längst nicht in allen Fällen. Die Genanalysen zur Bestimmung von Herkunft und Individuum bei Wölfen werden in der Schweiz im Auftrag des Bundes durch das spezialisierte Laboratoire de biologie de la conservation der Universität Lausanne durchgeführt (www.unil.ch/lbc/fr/home.html).
Hier wird das komplizierte Verfahren der Genanalysen bei Wölfen genau erklärt: www.unil.ch/lbc/en/home/menuguid/echantillons.html;
oder in deutscher Sprache hier: www.chwolf.org/assets/documents/woelfe-ch/CH-Publikationen/CH-Fachpublikationen/KORA-Publikationen/MM-LBC-BAFU-KORA_DNA_Aenderungen_18-07-2023.pdf.
In Deutschland führt ein Speziallabor des Senckenberg Museums in Frankfurt ebenfalls solche Analysen durch: www.senckenberg.de/de/forschung/institute-uebersicht/ffm-forschungsinstitut-und-naturmuseum/ffm-abt-fliessgewaesseroekologie-und-naturschutzforschung/zentrum-fuer-wildtiergenetik
KORA
KORA stand ursprünglich für «Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz». Das private Büro wurde 1994 als unabhängiger Verein gegründet und 2017 unter der Ägide seiner hauptsächlichen Finanzierungsstelle, des Bundesamts für Umwelt (BAFU), in eine Stiftung mit neuem Namen, «KORA Kompetenzzentrum für Raubtierökologie und Wildtiermanagement», überführt.
Der Zweck der Stiftung ist seither wie folgt definiert (www.stiftungen.stiftungschweiz.ch/organisation/stiftung-kora-raubtieroekologie-und-wildtiermanagement – Stand November 2025): «Die Erhaltung der Wildtiere, namentlich der Raubtiere (Carnivora) in der Kulturlandschaft. Der Zweck der Stiftung wird namentlich verfolgt durch: Erarbeiten von Grundlagen für den Vollzug des Bundesgesetzes über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (Jagdgesetz JSG), den zugehörigen Verordnungen und Konzepten; Beraten und Unterstützen des Bundes und der Kantone beim Vollzug; Beratung und Mitarbeit bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und der Umsetzung internationaler Konventionen; Überwachen von Wildtierbeständen, namentlich der grossen Raubtiere; Bereitstellen von Information über die erarbeiteten Grundlagen für Bund, Kantone und die Öffentlichkeit. Zu diesem Zweck betreibt die Stiftung ein Forschungs- und Beratungsinstitut. Die Stiftung hat keinen Erwerbszweck und erstrebt keinen Gewinn. Sie ist ausschliesslich gemeinnützig tätig.»
Der Stiftungsrat hat gegenwärtig gemäss Jahresbericht KORA 2024 neun Mitglieder. Sechs Mitglieder sind Vertreter der kantonalen Behörden, die politischen Vorgesetzten unterstellt sind. Drei Mitglieder gehören unabhängigen Institutionen mit Bezug zu Natur, Artenschutz und Bildung an.
Die unabhängige, universitäre Forschung ist weder im Management noch im Stiftungsrat vertreten. Damit haben dort die Behördenvertreter der Kantone eine klare Stimmenmehrheit. Es sind zwar alles Naturschutz- oder Jagdfachleute, die die Schnittstelle zu den Kantonen bilden, was im Idealfall zu sachgerechten Lösungen in den Kantonen beim Umgang mit den grossen Prädatoren beiträgt. Da jedoch die Kantonsvertreter der Weisungshoheit der kantonalen Politik unterstellt sind, besteht auch die Möglichkeit, dass die Politik die wissenschaftlichen Fakten, die durch die Fachleute der KORA erarbeitet werden, missachtet, ohne dass dies publik wird.
Das ist durchaus so gewollt: Beim Zweck der Stiftung ist – im Gegensatz zum ursprünglichen Zweckartikel des Vereins – die unabhängige wissenschaftliche Grundlage ihrer Aktivität nicht mehr explizit erwähnt. Vielmehr ist die Stiftung als Dienstleistungsbetrieb für verschiedene Verwaltungen darauf ausgerichtet, die politischen Behörden im Umgang mit grossen Prädatoren zu beraten. In dieser Konstellation gilt de iure das Primat der Politik über die unabhängige, faktenbasierte Wissenschaft. Dies belegt die Antwort des Bundesrats auf eine Anfrage im Nationalrat im Jahr 2021 zum Status der Stiftung: «Die Stiftung für Raubtierökologie KORA wird strategisch von den Kantonen geführt und unterliegt der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht ESA.» Weiter schrieb der Bundesrat: «Die Erfüllung der Leistungsaufträge des Bundes wird durch das Bundesamt für Umwelt BAFU eng begleitet und überwacht.» Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich über den Bund (siehe www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20211092).
Nicht nur die Recherchen für dieses Buch, sondern auch meine langjährigen Kontakte und medialen Kooperationen mit KORA zeigten, dass alle Beteiligten der Institution – der Stiftungsrat und die Mitarbeitenden – fachlich ausgezeichnet qualifiziert sind und persönlich ihr Möglichstes tun, um auf wissenschaftlicher Basis auf eine konfliktarme Koexistenz zwischen Menschen und grossen Prädatoren hinzuarbeiten. Dazu dienen auch zahlreiche Projekte in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen.
Es kam jedoch in den letzten Jahren auch mehrfach vor, dass sich hohe politische Stellen beim Umgang mit grossen Prädatoren über wissenschaftliche Fakten hinwegsetzten. In solchen Fällen gibt es kaum Gegensteuer, da KORA als «Instate»-Stiftung unter der Aufsicht politischer Behörden steht und weitgehend von staatlichen Geldern abhängig ist.
Hier stellt sich die Frage, ob nicht bei der Kontroverse und der starken Politisierung der grossen Prädatoren eine unabhängige Fachstelle, die Expertisen allein auf faktischer, wissenschaftlicher Grundlage ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten erarbeiten und publizieren und sich auch unabhängig zu politischen Entscheiden öffentlich äussern kann, für die Information der Öffentlichkeit, für die objektive Meinungsbildung und damit für die Koexistenz der Menschen mit Wölfen, Luchsen und Bären wichtig wäre.
ADRESSEN
NGOS 1 – ORGANISATIONEN, DIE SICH FÜR PRÄDATOREN ENGAGIEREN (AUSWAHL, BEISPIELE, NICHT ABSCHLIESSEND):
Pro Natura: www.pronatura.ch/de
WWF Schweiz: www.wwf.ch/de
Bird Life Schweiz: www.birdlife.ch
Gruppe Wolf Schweiz: www.gruppe-wolf.ch
CH-Wolf Schweiz: www.chwolf.org
Ökologischer Jagdverein: www.oejv.ch
Schweizer Tierschutz (STS): www.tierschutz.com
Zürcher Tierschutz (ZTS): www.zuerchertierschutz.ch/de
Wild beim Wild: www.wildbeimwild.com
Wolfshirten: www.wolfshirten.ch
Verein Wildtierschutz Schweiz: www.wildtierschutz.org
NGOS 2 – ORGANISATIONEN, DIE SICH GEGEN DIE WÖLFE ENGAGIEREN (AUSWAHL):
Schweizerischer Bauernverband: www.sbv-usp.ch/de
div. Kantonale Landwirtschaftsverbände
Verein Schweiz zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren (VSLvGRT): www.lr-grt.ch/de-de
Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere (Beschreibung regionaler Vereine): www.everybodywiki.com/Lebensraum_Schweiz_ohne_Grossraubtiere
WOLFSPOPULATIONEN EUROPAS
Interaktive Karte der Naturschutzorganisation NABU in Deutschland mit Beschreibung aller europäischen Wolfspopulationen: www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/europa/index.html